Quasi Satanas, apropos Casanova

In Apropos Casanova arbeitet sich der ungarische Schriftsteller Miklós Szentkuthy durch die Memoiren Giacomo Casanovas, des venezianischen Abenteurers und Erotikkünstlers. Mit ihrer kunstvollen Übersetzung ist Timea Tankó für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

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Ich wusste eigentlich nichts von Casanova. Daran hat sich nicht viel geändert. Nach zwei Wochen, die ich mit Szentkuthy verbracht habe, weiß ich ungefähr, wie sich Casanova bewegt und wie er gedacht hat, ungefähr kenne ich sein Venedig, seine Salons und sein Jahrhundert. Ich weiß ungefähr, mit welchen Frauen — und Männern? — er geschlafen hat. Manche Wörter seines Lebens kenne ich bis auf die Silben genau, und dann sind da natürlich die Namen: Ich erinnere mich an Bettina, ganz am Anfang, die Casanovas Füße wäscht, eine Lucrezia im Garten, einen Papst, einige Bischöfe, dann wieder Bellino und Susanna im Bade — es sind übrigens keine Frauengeschichten, die hier erzählt werden. Ihre Namen verschwimmen mit den Orten, mit den Städten, Straßen, Palazzi; da sind Gärten und Labyrinthe, in denen man verschwinden kann, der längste Teil eines ziemlichen langen Absatzes ist einer einzigen Hecke gewidmet:

„Das Ganze ist wie eine Wand, wie ein Bollwerk, martialisch, düster wie die Burgen von Friedrich II. und dennoch blättrig, porös, bröckelig, worin die kleinen Zersetzungen der Lichtraupen, Blumenweihen, Staub und Schatten, Wind und Rascheln fröhlich herumtollen können: Die Vereinigung des vom Stauferkönig Friedrich II. errichteten Brückentors von Capua und eines Schwamms, der im tausendstimmigen Licht des Herbstes zerfällt, zu einer einzigen Form und eindeutigen Masse; eine gute geistliche Übung.“

Was für ein Satz, denke ich da, ein Jahrhundertsatz, da ist alles drin, der Satz enthält alles, aber dann ist die Hecke doch wieder verschwunden, Casanova betritt einen anderen Garten, eine andere Stadt und wer weiß schon, wie dort die Hecken aussehen mögen? Es ist übrigens aussichtslos, sich solche Sätze aufzuschreiben, oder auch nur zu exzerpieren, oder auch nur den Seitenrand mit Klebezetteln zu bestücken, denn jeder Absatz, jede Seite dieses Buches ist voll mit diesen Sätzen. Die passende Lesehaltung, übrigens, ist etwas kompliziert: Das Buch muss auf den Knien balanciert werden, mit der einen Hand hält man die Seite glatt, in der anderen Hand das Handy, mit dem man die besten und wirklich nur die besten Stellen fotografiert — es sollten ungefähr vierzig sein — und zur späteren Benutzung im Entwürfeordner auf Twitter speichert, oder gleich an die besten, und wirklich nur die besten Freunde sendet (man weiß, welche Freunde diese Sätze verdient haben). Aber über Casanova jedenfalls weiß ich immer noch nichts. Vielleicht, weil dieses Buch nur vorgibt, eine Vita zu sein, wie auch sein Erzähler nur vorgibt, zu erzählen. Die Masken beginnen sich hier zu überlagern; es ist eine sehr venezianische Angelegenheit.

In meinen Notizen wiederum finden sich keine Zitate, sondern Fragen, eigentlich nur eine Frage, jedenfalls kreist alles um diese Frage und sie lautet: Was mag das bloß für ein Buch sein? Also, das Buch heißt Apropos Casanova, geschrieben hat es Miklós Szentkuthy, als ersten Band seines zehnbändigen Brevier des Heiligen Orpheus. Ganz so, wie es sich für herausragende Bücher gehört, wurde auch dieses Buch bald nach seinem Erscheinen 1938 verboten — die ungarische Zensurbehörde moniert zwei Sätze ganz am Anfang des Buches, weiter war man offenbar nicht gekommen, und lässt Apropos Casanova wegen Obszönität und Blasphemie konfiszieren. „Es ist beinahe verständlich,“ schreibt György Dalos in seinem Nachwort, „dass der Zensor in Kecskemét seine Aufgabe so oberflächlich erledigte. Das Apropos ist keine Lektüre, in die man einfach eintauchen kann.“ Ich möchte hinzufügen: man taucht auch nicht einfach wieder aus ihr auf.

Szentkuthy zu lesen, ist ein großer Rausch. Das macht die Sache kompliziert, denn ein Rausch hat eigentlich keinen Gegenstand, er kreist und torkelt so um sich selbst und endet meist unbefriedigend. Entsprechend kann man dieses Buch etwas mitgenommen verlassen, vielleicht auch nachhaltig. Ich will es trotzdem mit dem Inhalt versuchen. Es gibt zwei Teile, eine Vita und eine Lectio, damit ist schon wieder eine ganze Tradition aufgerufen, doch eine trügerische, wie man überhaupt den Traditionen und Autoren, den Stimmen und Texten, die Szentkuthy in seinem Brevier aufeinander loslässt, niemals trauen darf. Das Buch beginnt mit einer kurzen Vita des Kirchenlehrers und Heiligen Alfonso Maria de’ Liguori und es beginnt — das hätte schon eine Warnung sein können — mit dem Schreiben: „Der Heilige Alfonso starb im Alter von einundneunzig Jahren, doch hatte man ihm, dem Verfasser unzähliger Bücher und Briefe, das Schreiben bereits im Alter von dreiundachtzig verboten, aus gesundheitlichen Gründen.“ Das ist ein beachtlicher Einstieg für ein Buch, das vor allem eine Lektüre ist, doch Szentkuthy, in seiner endlosen Verschwendungssucht, verfolgt diesen Gedanken natürlich nicht, sondern lässt ihn gleich wieder verblassen. Alfonso erhält seine Bedeutung nur aus der Beziehung zu Casanova, mit dem er sich zweiundsechzig Jahre und einen Papst teilt.

Giacomo Girolamo Casanova, der Verführungskünstler, der Abenteurer, der dem bleiernen Gefängnis des Dogen entkommen konnte, der wundersam durch ganz Europa zieht und in jedem Salon willkommen zu sein scheint, ein vollständig unbegreifliches Leben, aufgeschrieben von ihm selbst, kurz nach der Französischen Revolution, also am Ende des 18. Jahrhunderts, am Ende des Barock, als dessen lebendige Signatur Casanova auftritt und aufgeschrieben wird. Am Ende der Bibliothekar auf dem Schloss des Grafen Waldstein in Dux, ein seinerseits nicht zu unterschätzendes Abenteuer:

„Er war zu Recht Bibliothekar, denn wie ihr der unten folgenden Lectio Divina werdet entnehmen können, war Casanova (zugegeben, mit der leichten Übertreibung des Heiligen Orpheus) der Intellektuelle des 18. Jahrhunderts par excellence — eine wesentlich interessantere Seite an ihm als die des aufs Sexuelle und was sonst noch alles orientierten chamäleonartigen Draufgängers.“

Also eher Bücher als Sex, aber auch eher die Autobiographie als Casanova selbst. Der zweite, und ungleich längere Teil des Buches, besteht aus einer Lektüre — einem Kommentar, einer Meditation — zu Casanovas Lebenserinnerungen. Diese, in einhundertdreiundzwanzig Abschnitte unterteilte Lectio betrifft eigentlich alles, durchläuft alle Register und Ebenen. Ihre Form entspricht so ihrem Thema, dem Begehren, nicht der romantischen Sehnsucht oder der Obszönität der Aufklärung, sondern einem Eros der Vereinigung, der in Szentkuthys Casanova-Lektüre zuweilen mit metaphysischem Ernst, dann wieder ironisch und spielerisch auftaucht. Manche der Abschnitte sind nur wenige Zeilen lang, beinahe aphoristisch.

„Die Sprache ist etwas Großes; derlei kann in ihr entstehen: ‚Der Docht schwimmt in Öl‘ — Docht und Öl: Wörter von solchem Klang sind wirklicher als die Wirklichkeit.“

Dann wieder verdichtet sich die Lektüre an Stellen, krallt sich regelrecht in Themen fest. Ich erinnere mich an eine wunderschöne Passage aus dem Bereich der Gärten und Villen — „Für die Liebe im Sinne Casanovas ist es von grundlegender Bedeutung, dass bei der Errichtung von Villen nicht von Kunst die Rede ist und bei der Errichtung von Gärten nicht von Natur. ‚Schönheit’ und ‚Natur‘ sind unbekannte Begriffe, es gibt lediglich den alleinseligmachenden Luxus.“ — und ein Lob des jugendlichen Körpers, das ich so vielen Leuten vorgelesen habe, dass ich es beinahe auswendig aufsagen kann: „Es gehört zu Gottes größten Wundern, dass der erwachsene Körper überhaupt lieben kann, wo er doch nichts als eine unästhetische Verwaltungsbehörde des Herzens, der Lunge, des Gehirns und der Leber ist.“ Zuweilen aber verschwindet Casanova spurlos, etwa, wenn er einer der anderen Figuren Szentkuthys Platz schaffen muss: Da ist ein Pseudo-Abaelard und eine Pseudo-Héloïse und am Ende des Buches reißt ein Pseudo-Marvell gleich den ganzen Text an sich. Hier, im letzten Absatz der Lectio, erreicht das Buch seinen Höhepunkt, hier schlägt die Lektüre selbst ins Absurde um: Szentkuthys Kommentator zitiert aus einem fiktiven Text des englischen Dichters Andrew Marvell, der seinerseits Casanova zitiert, der Kommentar nurmehr die Lektüre einer Lektüre, unmöglich zu sagen, wer hier spricht und was, die Unmöglichkeit des Schreibens trifft auf die Unmöglichkeit der Lektüre. Das Ende als Aporie, man hätte es sich denken können. Schließlich schreibt schon Pseudo-Abaelard in seinen Sophismata Erotica: „Doch auch von dir, süße Kontemplation, verabschiede ich mich, Gott sei mit dir, denn dein Objekt ist ein Bild, und das Bild ist eine undefinierbare Irritation, mit seinen namenlosen Farben ist es neben dem Gedanken wie das Böse neben dem Guten, quasi Satanas…“ Und der Kommentar bemerkt ironisch: „Hat je irgendein anderer die romantische Unfruchtbarkeit dessen, dass man sich ein Bild von einer Frau macht, besser erfasst als dieser scholastische Abenteurer mit dem Nebensatz ‚imago quasi Satanas‘? “

Vielleicht könnte man dieser Stelle sehr große Wörter zusammenschrauben, etwas von der Postmoderne sagen, vielleicht daran erinnern, dass jemand wie Thomas Pynchon in seinem 1966 veröffentlichten The Crying of Lot 49 die Erzählung für weite Strecken unterbricht, um stattdessen den Text einer fiktiven Rachetragödie des 16. Jahrhunderts auszubreiten, aber dieser Text, Apropos Casanova, erlaubt das einfach nicht. Was Szentkuthy die atemberaubenden Variationen, die szenische Kombinatorik — ich hatte es erwähnt, die Namen verschwimmen — die immer neuen Ebenen der Mediatisierung erlaubt, ist keine Postmoderne avant la lettre, sondern die Signatur dieses verrückten Jahrhunderts, der verlorenen Zeit vor der Revolution. Apropos Casanova ist ein barockes Buch, nicht nur, weil der Barock sein Thema ist, oder weil barock — als Attribut — oder Barock — als Wesenszustand — zu den Lieblingsvokabeln seines Autors zählen; das Buch folgt einer barocken allegorischen Struktur, keiner Erzählung, sondern der fortschreitenden Entfaltung eines Themas: Von einer Silbe zu einem Wort, zu einem Satz, zu einem Salon, einer Straße, einer Stadt, einer ganzen Kultur und einem ganzen Jahrhundert. Jede einzelne der einhundertdreiundzwanzig Lektüren enthält in sich Casanova als Ganzes, dafür braucht es ihn schließlich als Person nicht mehr. Das klingt alles sehr kompliziert, aber es ist sicherlich nicht komplizierter als die Liebe.

Mit Apropos Casanova hat Die Andere Bibliothek ein, ganz im Wortsinne, unvergleichbares, ein geheimnisvolles Buch herausgebracht. Bisher lagen von Miklós Szentkuthy nur zwei kleinere Auszüge auf Deutsch vor, selbstverständlich vergriffen. Das hat sich vor einigen Monaten mit der fantastischen Übersetzung von Timea Tankó geändert: Der Übersetzerin, die mittlerweile für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, gelangen so kunstvolle Komposita wie „Spiegelsaaleremitendasein“, „Perückenzivilisation“ oder „Rokokopuritanismus“. Bleibt noch die etwas verzweifelte Hoffnung, dass wir mehr von Szentkuthy bekommen können: Mehr Übersetzungen, Besprechungen, abendfüllende Dokumentation, einen literarischen Diskurs mit allem Drum und Dran. Neun Bände des Breviers stehen noch aus und wir können es uns eigentlich nicht erlauben, sie nicht zu lesen. In meinen Notizen steht noch immer ziemlich dick die Frage: „Was soll man über dieses Buch sagen?“ Wie es sich für dumme Fragen gehört, habe ich sie mir gleich selbst beantwortet; unter der Notiz steht mit Bleistift gekritzelt: „Lesen!“